02.04.2016 – Sulpicius Severus: 3.

3. Eines Tages also – Martin besaß nichts mehr außer seinen Waffen und einem einfachen Soldatenrock – steht er in einem ungewöhnlich strengen Winter, dessen schneidende Kälte schon zahlreiche Todesopfer gefordert hatte, am Stadttor von Amiens einem halbnackten Bettler gegenüber. Dieser flehte die Passanten um mitleidige Gaben an, doch alle gingen an ihm vorbei. Da erkannte der gotterfüllte Mann, dass jener, für ihn aufgehoben war. Was hätte er aber tun sollen? Er besaß ja nichts außer den Mantel, mit dem er bekleidet war. Denn alles übrige hattest schon bei einer ähnlich guten Tat aufgebraucht. er griff also nach dem Stahl, den er am Gurt trug, teilte den Mantel mittendurch und gab den einen Teil dem Bettler, den anderen zog er wieder an. Währenddessen lachten einige von den Umstehenden, weil er ihnen in seinem verstümmelten Gewand entstellt vorkam. Viele aber, die zu ernstere Nachdenken fähig waren, seufzten gar tief darüber, dass sie nichts dergleichen getan hatten, obwohl sie immerhin reicher waren und dem Bettler ein Gewand hätten geben können, ohne selbst halbnackt sein zu müssen.Inder darauf folgenden Nacht also sah Martin, als er sich dem Schlaf überlassen hatte, Christus, bekleidet mit dem Teil des Mantels, den er dem Bettler schützend umgelegt hatte. Er wurde angewiesen, den Herrn ganz genau anzuschauen und das Gewand wiederzuerkennen, das er verschenkt hatte. Dann hörte er wie Jesus mit deutlicher Stimme zu der Schar der ihn umstehenden Engeln sagte: „Martin noch Taufschüler, hat mir dieses Gewand schützend umgelegt.“ So war der Herr wahrhaftig der Worte eingedenk, die er einst gesprochen: „Immer wenn ihr einem einzigen von diesen Geringsten etwas getan habt, habt ihr es mir getan“, und tat deutlich kund, dass er selbst es war, der in der Person des Bettlers Bekleidung erhalten hatte. Und um das Zeugnis, das er diesem so guten Werk ausstellte, noch zu bekräftigen, fand er nicht unter seiner Würde, sich in demselben Gewand, das der Bettler erhalten hatte, zu offenbaren.

Diese Traumerscheinung erfüllte den seligen Mann nicht mit Stolz nach Ruhm bei den Menschen; vielmehr erkannte er in seiner Tat die Güte Gottes und eilte, als er achtzehn war, der Taufe entgegen. Trotzdem schied er nicht unverzüglich aus dem Militär aus, da er den Bitten seines Offiziers nachgab, dem er in herzlicher Kameradschaft verbunden war. Denn dieser hatte ihm versprochen, nach Ablauf seiner Offiziersdienstzeit der Welt zu entsagen. In ständiger Erwartung dessen blieb Martin, nachdem er die Taufe erhalten hatte, noch etwa zwei Jahre lang Soldat, freilich nur dem Namen nach.

Herausgeber und Verlag siehe bei 1. unter dem Datum 27.04. 2016

Werner Redies

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s