10.05.2016 – DAS ANDERE TAGEBUCHS – Teil 2 

FREITAG EIN GANZ BESONDERER TAG

Die Champagne begrüßt uns mit warmen Wetter, Sonnenschein – natürlich mit ihrem Gold: den herrlichen Weinbergen. Für den Pilger gibt es ein weiteres Highlight: Nämlich den weichen Sandboden, Balsam für die Füße! Unser Weg zieht sich bis zum Horizont, die Stimmung ist einfach super! So gegen 11 Uhr erreichen wir den Ort Beru. Eine romanische Kirche hat Wolfgang, der unser Auto fuhr, sofort ins Auge gefasst und als Martinuskirche und vermutlich als Kostbarkeit entdeckt. Natürlich, dass mein Mitstreiter in Sachen Kultur, Wolfgang und ich, dieses Kleinod sehen mussten! Während unsere Routenngänger eilig weiterzogen, lief ich an der Hauptstraße von Haus zu Haus, klingelte oder klopfte: Erster Versuch, zweiter Versuch – jedesmal waren die Leute überrascht, dass jemand in die Kirche wollte. Sie wüssten nicht wie man da reinkommt. Dritter Versuch: Kirche hier im Ort, gibt’s denn das? Ach ja, das da, war ich noch nie drin. Vierter Versuch: ein Mann mittleren Alters machte die Türe auf und auf meine Frage streckte er mir seine Gebetskette entgegen und fing an herzlich zu lachen. Das war so ansteckend, dass wir gemeinsam lachten und uns herzlich umarmten. Er war auch noch nie in diesem Gebäude wie er sagte, aber so fünf Häuser weiter würde ein Mann wohnen, der da immer wieder reinginge. Der hätte offensichtlich einen Schlüssel. Also trabte ich dort hoch und fand einen alten, etwas mürrisch dreiblickenden Mann, der mir ziemlich unwirsch bedeutete, dass er nichts von einem Schlüssel wüsste! Ok, noch einen Versuch wollte ich machen. Im nächsten Haus traf ich einen jungen Mann in einem älteren Jogginganzug von der Marke Trigema. Nach kurzem Staunen über mein Begehr, sagte er, er wisse zuverlässig wer einen Schlüssel habe. Er nahm mich zu eben dem Haus des alten Mannes, bei dem ich vorher war. Dieser erschrak, als er uns beide sah und ging ohne ein Wort sofort ins Haus und kam etwas beschämt mit zwei Schlüsseln wieder. Der junge Mann sagte, dies ist mein Vater, der wird Ihnen jetzt die Kirche aufschließen und zeigen. Der alte Mann schlürfte vor mir her zur Kirche wo Wolfgang wartete und schloss nach mehreren Versuchen die Kirche auf. Diese zeigte sich als Kleinod aus dem 11. Jahrhundert. Als der Herr sah, dass wir beide ein Gebet sprachen und glücklich den original romanischen Innenraum betrachteten, entspannten sich plötzlich seine Gesichtszüge. Und er verabschiedete uns herzlich.

DER KONTRAST
Wiederum auf einer Anhöhe kurz vor Reims, wieder ein deutscher Soldatenfriedhof, 1700 Tote im ersten Weltkrieg. Es macht einen großen Unterschied, ob man auf eine solche Gedenkstätte zu Fuß oder mit dem Auto stößt. Ein unglaublicher Eindruck! Vor gefallenen Soldaten in dieser Anzahl zu stehen ist etwas, was wir noch nie erlebt haben. Etwas beschämt stelle ich fest, dass ich als Schüler das Sammeln für die Kriegsgräberfürsorge oft für etwas Lästiges empfunden habe und die Notwendigkeit nicht wirklich einsah. Jetzt die Gräberfelder zu sehen, Soldatenfriedhöfe vieler Nationen zu sehen, auf das Sorfältigste gepflegt, beschäftigt mich. Oder ist es etwa nicht beeindruckend, wenn die Reihe der Kreuze immer wieder durch jüdische Grabstätte unterbrochen wird. Viele Jahre sind vergangen, doch die so jungen Toten spreche zu uns für ein friedliches und geeintes Europa.
MARTINUSKIRCHEN
Wenn man den Hügel zur Stadt Reims wieder zu hinuntersteigt, kommt sehr schnell eine weitere Martinuskirche. Es gibt dort kein Zeugnis, sondern nur eine ausführliche Geschichte zum Thema Martinus. Die Altstadt von Reims und deren Kathedrale kann man nicht beschreiben, man muss sich mitten in die Kathedrale auf einen der vielen Stühle setzen und das Staunen zulassen. Es dauert einige Augenblicke, aber es kommt und jedes Wort ist zuviel.
KIRCHENBESUCH
Am Sonntag wollte Wolfgang, der unser Versorgungfahrzeug fuhr, sieben Kirchen besuchen und für uns ihre Zugänglichkeit erkunden: Keine Chance! 

Es ist manchmal schon deprimierend ständig vor verschlossenen Türen zu stehen. Wie dankbar ist man da, wenn man eine meist älter Dame findet, die einem die Kirche aufschließt, in der immerhin ein oder zweimal im Jahr Gottesdienst gefeiert wird.

Voller Stolz erzählt sie Werner, dass sie Italienerin sei und als solche es als ihre Pflicht halte und schließlich, hätte sie auch drei Priester versorgt und ihnen den Haushalt geführt. 

Ich frage mich immer wieder: Ist dies auch die Zukunft unserer Kirchen?! Aber ein Schnäppchen hat der Heilige Geist “ den Ungläubigen“ doch geschlagen! Fast jede Kirche hat ein wunderschönes Geläut, das um zwölf und achtzehn Uhr die ganze Umgebung an die Anwesenheit eines Höheren Wesens verkündet. Es klingt einfach zu schön über den Bergen und Tälern um sich nicht davon bewegen zu lassen.

Josef Albrecht

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3 Gedanken zu “10.05.2016 – DAS ANDERE TAGEBUCHS – Teil 2 

  1. Lieber Herr Albrecht, liebe Pilger, danke für diesen berührenden Bericht des heutigen Tages.An diesem deutschen Soldatenfriedhof und war dann mit einer Pilgergruppe unserer Gündringer St. Remigiusgemeinde in der Kathedrale von Reims. Ihre Gefühle kann ich auch noch nach 20 Jahren sehr gut nachempfinden. Euere Berichte, Bilder und Routenbeschreibungen sind so lebendig, bunt und tun einfach gut. Deshalb wünschte ich mir, dass ein Buch/Büchlein mit den gesammelten Werken erscheint. Titel könnte sein: „St.Martin, Prälaten und andere Kandidaten“ 🙂 Liebe Grüße aus Gündringen

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  2. Nach dem Abschicken läßt es sich nicht mehr korrigieren. Es heißt natürlich: An diesem deutschen Soldatenfriedhof stand ich sehr bewegt, und war dann……..

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  3. Liebe Pilger!
    Zugesperrte Kirchentüren – welch ein Affront. Weltoffenheit sieht anders aus. Auch in Oberbayern gibt es das, oft mit der Begründung „es ginge eh keiner rein“ – auch Bequemlichkeit der Leute auf- und zuzusperren. Deshalb plädiere ich für offene Kirchen durch die die Luft zirkulieren kann – dass nichts einstaubt…und Räume, wo der Mensch sich besinnen und Gottes Nähe spüren kann.

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