Sulpicius Severus, Das Leben des Heiligen Martin: 5 und 6

Nach der Lateinisch und Deutschen Ausgabe 

Herausgegeben von Kurt Smolka – St. Martinus-Verlag, Eisenstadt

Hier nur die deutsche Version
5. Sodann suchte Martin nach seinem Ausscheiden aus dem Heer den Heiligen Hilarius auf, den Bischof der Stadt Poitiersp, damals eine weithin anerkannte Autorität in theologischen Fragen, und blieb einige Zeit bei ihm. Dieser versuchte aber, ihm das Amt eines Diakons zu übertragen, um ihn so enger an sich zu binden und zu einem Dienst an Gott zu verpflichten. Allerdings weigerte sich Martin immer wieder mit der Behauptung dieser Aufgabe unwürdig zu sein. Da erkannte Hilarius, ein Mann von tiefer Einsicht, dass er sich einzig und allein dadurch Martins zu versichern vermöge, wenn er ihm ein Kirchenamt von der Art auferlegte, dass dieser darin irgendwie eine Herabsetzung seiner Person sehen könnte. Daher gab er ihm den nachdrücklichen Rat, Exorzist zu werden. Die Einsetzung in dieses Amt wies Martin nun nicht zurück, um den Anschein zu vermeiden, er habe es ausgeschlagen, weil es unter seiner Würde sei. Wenig später erhielt er im Schlaf den Auftrag, seine Heimat und seine Eltern, die noch immer im Heidentum befangen waren, voll des religiösen Eifers aufzusuchen. Er machte sich mit dem Einverständnis des Heiligen Hilarius, der ihn mit vielen Bitten und unter Tränen zur Rückkehr verpflichtete, auf den Weg. Bedrückt, so wird berichtet, trat er die Reise an und versicherte seinen Mitbrüdern, dass ihm viel Unbill widerfahren werde. Dies trat denn auch wirklich ein, wie sich später herausstellte.Zunächst kam er in den Alpen vom Weg ab und wurde von Räubern überfallen. Als einer von ihnen sein Beil schwang und schon zum Schlag ausholte, fasste ein anderer dessen erhobene Rechte und hielt ihn zurück. Trotzdem wurde Martin, die Hände am Rücken gefesselt, einem der Banditen zur Bewachung und Ausplünderung übergeben. Dieser führte ihn zunächst an einen entlegenen Ort und erkundigte sich dann, wer er denn sei. Martin antwortete, er sei Christ. Der Räuber fragte ihn auch, ob er Angst habe. Daraufhin erwiderte Martin ganz offen und unbeirrt, dass er nie so furchtlos gewesen sei, weil er ja wisse, dass das Erbarmen des Herrn besonders in den Situationen der Prüfung ihm hilfreich beistehen werde. Vielmehr tue ihm sein Gesprächspartner leid: Dieser verdiene das Erbarmen Christi nicht, da er Räubereien begehe. Und er begann eine Unterhaltung über das Evangelium, in der er dem Räuber das Wort Gottes verkündete. Was soll ich noch viele Worte machen? Der Brigant wurde gläubig, begleitete Martin und führte ihn auf den richtigen Weg zurück, während er ihn bat, für ihn zum Herrn zu beten. Und denselben Mann sah man in der Folge ein gottesfürchtiges Leben führen – ja man erzählte sich sogar, man habe das, was ich eben berichtet habe, von ihm selbst erfahren.
6. Nachdem Martin also seine Reise fortgesetzt hatte und schon über Mailand hinausgekommen war, trat ihm, während er seines Weges zog, der Teufel in Menschengestalt entgegen und fragte ihn, wohin er gehe. Als er von Martin die Antwort erhielt, er gehe dorthin, wohin der Herr ihn rufe, sagte er zu ihm: „Gleich, wohin du gehst und was du unternimmst, der Teufel wird sich dir in den Weg stellen.“ Darauf antwortete ihm Martin mit dem Prophetenwort: „Der Herr ist mein Helfer; ich werde nicht ängstlich darum besorgt sein, was mir ein Mensch antun könnte.“ Und auf der Stelle entschwand der Feind seinen Blicken. So befreite denn Martin, wie es sein fester Entschluss war, seine Mutter vom Irrtum des Heidentums, wogegen sein Vater in seinem unseligen Zustand verharrte. Nichtsdestoweniger konnte Martin durch das Beispiel, das er gab, gar viele dem Heil zuführen.

Als sodann die arianische Irrlehre auf der ganzen Welt, besonders aber in Illyricum zu wuchern begonnen hatte und er nahezu als einziger dem Unglauben der Priester heftigsten Widerstand entgegensetzte und viele Strafen über sich ergehen lassen musste – er wurde nämlich öffentlich mit Ruten geschlagen und zuletzt zum Verlassen einer Stadt gezwungen -, machte er sich wieder auf den Weg nach Italien; und da er erfahren hatte, dass auch in den gallischen Landen nach dem Fortgang des heiligen Hilarius – ihn hatte die brutale Gewalt der Häretiker in die Verbannung getrieben – die Kirche sich in Verwirrung befand, richtete er sich in Mailand eine Einsiedelei ein. Auch dort setzte ihm Auxentius, ein hochrangiger Förderer des Arianismus, auf das heftigste zu, tat ihm viel Unrecht an und warf ihn schließlich aus der Stadt. Martin hielt es für geboten, den Umständen nachzugeben, und zog sich auf eine Insel namens Gallinaria zurück, begleitet von einem Priester, einem Mann mit großen moralischen Vorzügen. Hier lebte er eine Weile von Kräuterwurzeln. In dieser Zeit nahm er Nieswurz zu sich, ein giftiges Gewächs, wie man sagt. Als er die verheerende Wirkung des Gifts in seinem Leib verspürte und schon dem Tod Nähe war, bannte er die drohende Gefahr durch ein Gebet, und sofort wich jeglicher Schmerz. Nicht viel später erfuhr er, dass der heilige Hilarius von dem reuigen Kaiser die Erlaubnis zur Rückkehr erhalten hatte; so versuchte er, ehebaldigst mit ihm in Rom zusammenzutreffen und machte sich auf den Weg in die Ewige Stadt.

Werner Redies

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