15.05.2016 – Sulpicius Severus – LEBEN DES HEILIGEN MARTIN: 10. und 11.

Nach der Lateinisch und Deutschen Ausgabe Herausgegeben von Kurt Smolka – St. Martinus-Verlag, Eisenstadt

Hier nur die deutsche Version
10. Es liegt nun jenseits meiner Möglichkeit ausführlich darzustellen, welche Persönlichkeit und welche Leistungen Martin nach der Übernahme des Bischofsamtes erkennen ließ. Denn völlig unbeirrbar blieb er der Gleiche wie zuvor: dieselbe Demut in seinem Herzen, dieselbe Ärmlichkeit in seiner Kleidung. Er entsprach, voll von Autorität und Gnade, ganz und gar der Würde eines Bischofs, ohne dass ihm darüber das Ideal und die innere Kraft eines Mönches abhanden gekommen wäre. Einige Zeit benutzte er daher eine Mönchszelle, die an die Kirche anschloss. Danach richtete er sich, weil ihm die Störung seiner Ruhe durch die große Zahl derer, die ihn aufsuchten, unerträglich geworden war, etwa zwei Meilen außerhalb der Stadt ein Kloster ein.

Dieser Platz war so entlegen und abgeschieden, dass er die Einsamkeit einer Wüstenei nicht vermissen ließ. Denn an einer Seite begrenzte ihn die steile Felsenflanke eines hohen Berges, ansonsten umschloss der Loir-Fluss mit einer sanften Schleife das ebene TerraIn. Ein Zugang war nur über einen einzigen, ziemlich engen Weg möglich. Martin selbst verfügte über eine kleine, aus Holz hergestellte Zelle, und viele der Mitbrüder wohnten in gleicher Weise. Eine große Zahl hatte sich in die Felsenwand des unmittelbar nebenan aufragenden Berges Höhlen geschlagen und sich dies als Klausen eingerichtet. Es waren ungefähr achtzig Jünger, die sich durch das Vorbild ihres seligen Meisters unterweisen ließen. Niemand hatte dort Privateigentum, alles war Gemeingut. Irgendetwas zu kaufen oder zu verkaufen, wie das die meisten Mönche üblicherweise tun, war nicht erlaubt. Handwerk wurde, von Schreibern abgesehen, dort keines ausgeübt; und selbst mit dieser Tätigkeit waren die Jüngeren beauftragt. Die Älteren lebten nur im Gebet. Selten kam es vor, dass einer seine Zelle verließ, außer um sich an den Ort des gemeinsamen Gebetes zu begeben. Die Mahlzeiten nahmen sie alle zusammen ein, wenn die Stunden des Fastens vorüber waren. Niemand wollte von Wein etwas wissen, außer einer war durch Krankheit dazu gezwungen. Die meisten kleideten sich in Kamelfelle, ein weicheres Gewand galt dort bereits als Vergehen. Dies verdient umso größere Bewunderung, als sich unter den Mönchen viele Angehörige der Oberschicht befanden, die trotz einer völlig anderen Erziehung sich diese Leben in entsagungsreicher Niedrigkeit abgerungen hatten. So manche von ihnen sahen wir später als Bischöfe. Denn welch eine Stadt und welch eine Christengemeinde gäbe es, die sich nicht einen Oberhirten aus dem Kloster Martins wünschte? 
11. Nun aber will ich auf die übrigen Taten zu sprechen kommen, die er während des Bischofsamtes Kraft seiner Seelenstärke vollbrachte. Es gab da nicht weit vor der Stadt, ganz nahe dem Kloster, einen Platz, der nach irriger Ansicht der Leute für heilig galt, weIl man dort die Grabstätte irgendwelcher Märtyrer vermutete. Denn es befand sich da sogar ein Altar, den frühere Bischöfe hatten errIchten lassen. Martin aber, der unbestätigten Berichten nicht blindlings vertraute, verlangte von den älteren Priestern und Klerikern, sie sollten ihm den Namen des Blutzeugen und die Zeit seines Martyriums bekanntgeben. Er habe nämlich schwere Bedenken, er könne es mit einer zähen, althergebrachten Überlieferung zu tun haben, die keine gesicherte Nachricht enthalte.

So mied er denn einige Zeit jenen Platz, ohne dessen Verehrung zu unterbinden, weil er sich nicht sicher war und seine eigene, maßgebliche Meinung nicht dem Volkswillen anpassen wollte, damit der Aberglaube nicht noch erstarke. Eines Tages aber begab er sich in Begleitung einiger weniger Mitbrüder an den Ort. Dort angekommen, trat er dicht an das Grab heran und betete zumHerrn, er solle ihm offenbaren, wer der Begrabene sei und wie es um dessen Taten bestellt sei. Als er sich dann nach links wandte, sah er einen unreinen grimmigen Schatten herannahen; er befahl ihm, Name und Taten auszusprechen. Dieser gab seine Namen bekannt und gestand ein Verbrechen ein: Er sei ein Räuber gewesen, wegen seiner Missetaten hingerichtet worden und werde vom Volk irrigerweise verehrt. Er habe nichts mit den Märtyrern gemein; diesen sei ja Verherrlichung zuteil geworden, ihm aber Bestrafung. Auf wunderbare Weise könnten die übrigen Leute, die zugegen waren, die Stimme des Sprechenden hören, ihn aber nicht sehen. Da legte Martin dar, was er gesehen hatte, ließ den Altar, der dort gestanden war, entfernen und befreite so das Volk vom Irrtum jenes Aberglaubens.

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